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18.01.2013 13:27:39
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    Bronzezeit

    "Prä-Anhalterin" bekommt ihr Gesicht zurück

    Der Leiter Vor- und Frühgeschichte im Naturkundemuseum, Hans-Peter Hinze, mit Mitarbeiterin Annette Buschmann beim "Vorstellen" der "Prä-Anhalterin"

    Ein Blick zum Stand der Sonne reichte für die Entscheidung. Trotz des teilweise bedeckten Himmels war, entsprechend der fortgeschrittenen Tageszeit, die Himmelsrichtung gut bestimmbar. Langsam und sehr behutsam wurde der leblose Körper der am Morgen verstorbenen Frau so in die Grube gelegt, dass sie, das Gesicht nach Süden gewandt, auf ihrer linken Seite mit angewinkelten Beinen zu liegen kam. Bereits seit vielen Generationen bestimmte der Brauch diese Lage im Grabe für die verstorbenen Frauen des Dorfes. Nachdem einige Speisen als Wegzehrung für die Reise ins Jenseits in die Grube gelegt waren, stülpte eine ältere Frau eine tönerne Schale über die Nahrungsbeigaben, um diese vor der Erde, die bald alles bedecken würde, zu schützen.

    Als die Sonne unterging, war im schwindenden Tageslicht an der Stelle, wo die Verstorbene in die Grube gelegt wurde, ein flacher Erdhügel zu erkennen, neben dem sich eine größere und eine kleinere hockende menschliche Gestalt schemenhaft vor dem lilaroten Abendhimmel abzeichneten.

    Rund 1,5 Millionen Sonnenaufgänge später geht ein Mann, bekleidet mit einem dunklen Nadelstreifenanzug, der im ihm offenbar etwas zu weit ist, über die Stelle, an der die Frau begraben wurde. Den Hut hat er in den Nacken geschoben, hin und wieder bückt er sich und steckt etwas in eine Papiertüte. Das Gelände kennt er seit vielen Jahren gut, denn er ist bereits vorher oft hier gewesen und hat vom umgebrochenen Acker Keramikscherben und Feuersteinwerkzeuge der Jungsteinzeit aufgelesen. Aber heute ist eine besondere Situation, einige Zeit zuvor wurde an dieser Stelle, nördlich des anhaltischen Städtchens Osternienburg, eine große Fläche des Ackers abgetragen. An einem alten Braunkohlenschacht war es zu einem Erdrutsch gekommen und man hatte hier, am Rand des alten Schachtes II, Erde aufgeladen, die zum Auffüllen des entstandenen Loches gebraucht wurde. Durch das Abbaggern dieser Fläche liegen viele archäologische Funde frei, die nun von dem Mann aufgelesen werden. Am Rand der abgebaggerten Fläche entdeckt er etwas Besonderes, im Profil einer herabgebrochenen Kante ist eine dunkle Verfärbung zu erkennen, die anzeigt, dass hier vor langer Zeit eine Grube angelegt und verfüllt worden ist. Aus dieser Verfärbung ragt ein Stück Keramik hervor, das vermuten lässt, hier ein noch vollständig erhaltenes vorgeschichtliches Gefäß zu finden.

    Zusammen mit seinem Freund, der ihn auf der sonntäglichen Exkursion begleitet, gräbt er den Boden über der Verfärbung ab, um zu sehen, welche Form diese Grube hat, überraschend stoßen sie auf Menschenknochen. Mit äußerster Vorsicht werden diese nun gänzlich freigelegt, die Überraschung ist groß: Die beiden Ausgräber stehen vor einem komplett erhaltenen Grab aus der späten Jungsteinzeit oder der frühen Bronzezeit!

    Nachdem sie das Skelett in Fundlage gezeichnet und fotografiert haben, verfärbt die Abendsonne den Himmel bereits lilarot, als die beiden Männer den Platz verlassen. Mit sich führen sie die in Zeitungspapier verpackten Skelettreste und eine tönerne Schale, die sie in umgestülpter Lage in Schoßhöhe des Skelettes vorgefunden hatten.

    Die beiden oben beschriebenen Ereignisse fanden vor rund 4000 Jahren und am 19. April 1953 statt. Nach erster anthropologischer Einschätzung wurde das aufgefundene Skelett einer Frau im Alter von etwa 25 Jahren zugeschrieben. 

    Die Lage des Skelettes im Grab und das beigegebene Keramikgefäß sprechen dafür, die Bestattung der Aunjetitzer Kultur der frühen Bronzezeit zuzuordnen.

    Der Finder und Ausgräber dieser Bestattung war Gerhard Lattauschke, er war zu diesem Zeitpunkt als Betreuer der Vorgeschichtssammlung des Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Dessau tätig. Lattauschke war auch als Gerhard Lattauschke beim Zeichnen des SkelettesBodendenkmalpfleger für die Kreise Dessau und Roßlau sowie für Teile der Kreise Köthen und Gräfenhainichen eingesetzt und hat durch seinen Einsatz zahlreiche archäologische Kulturgüter geborgen und damit vor ihrer endgültigen Zerstörung gerettet. Gemeinsam mit seinem Freund Schulze, dessen Vorname leider nicht überliefert ist, hat er das Osternienburger Skelett geborgen und in der Vorgeschichtssammlung des Dessauer Museums archiviert. Von 1963 bis 1992 war das Skelett in der Dauerausstellung des Museums zu sehen und soll im Sommer 2012 wieder in die Ausstellung integriert werden.
    Was in den 1950er und 1960er Jahren noch nicht möglich war, soll für diese neue Präsentation nun nachgeholt werden. Eine genaue Datierung des Skelettes wird im C14-Labor des Curt-Engelhorn-Zentrum in Mannheim durchgeführt, damit wird sich herausstellen, ob das bisher geschätzte Alter von rund 4000 Jahren zutrifft. Durch die Untersuchung des Zahnzementes wird es möglich sein, das genaue Sterbealter der Frau zu erfahren, ebenfalls werden Proben für die DNA-Analytik entnommen, die später Aussagen zu Verwandtschaftsbeziehungen mit andern Bevölkerungsgruppen, bis in jüngere Zeiten hinein, zulassen. Die anthropologische Untersuchung des Skelettes soll die bisherige Geschlechtsbestimmung überprüfen, die Körpergröße und Konstitution der Verstorbenen feststellen sowie Aussagen zu Krankheiten und zur Todesursache ermöglichen. Die Anthropologin Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg führt diese Arbeiten durch und wird außerdem ein besonderes Ergebnis der Untersuchungen präsentieren. Auf ein durch Computertomographie erstelltes virtuelles Modell des Schädels werden virtuell die Weichteile des Gesichtes aufmodelliert. Durch dieses Verfahren, das sich besonders in der Kriminaltechnik bewährt hat, erhält man eine passbildgenaue 3D-Ansicht der vor rund 4000 Jahren verstorbenen Person.

    Im Rahmen des Projektes "Anhalt 800" werden die Besucher des Museum für Naturkunde und Vorgeschichte der Frau von Osternienburg ab Sommer 2012 künftig also von "Angesicht zu Angesicht" entgegentreten können.        
     

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